Now you has Jazz! Music goes Entertainment

Blog & Podcast Numero 7 von Freitag, dem 02. Juli 2021 

Now you has Jazz – stand auf der A-Seite einer Vinyl-Single, die ich als Sechs- oder Siebenjährige im Schallplattenschrank meiner Eltern fand. Es gab ein ganzes Sammelalbum mit verschiedenen Singles, Bill Haley, Little Richard, Louis Armstrong – und eben Now you has Jazz! Gesungen wurde die Nummer von Bing Crosby mit Einwürfen von Louis Armstrong, der natürlich auch die Trompete in diesem Stück spielt. Geschrieben hat dieses Lied Cole Porter, der ebenso wie die beiden Vorgenannten immer wieder eine Rolle auch in meinem musikalischen Leben spielen sollte.
Der Film High Society, zu deutsch Die oberen Zehntausend, Teil dessen Soundtracks dieses Lied ist, ist eine romantische Musikkomödie, ein sehr amerikanisches Märchen, in dem alle nur erdenklichen Stereotypen auf dem Silbertablett serviert werden. Er ist eben ein Abbild der Zeit, schafft es aber dennoch, durch die Musik zu verbinden.

Im Entstehungsjahr des Filmes 1956 herrscht in Amerika noch die sogenannte Rassentrennung. Aber auch in diesem Film ist spürbar, wie sehr die Musik – und vor allem der Jazz – zu deren Überwindung beigetragen hat und es immer noch tut.
Der Jazz ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekanntlich in New Orleans entstanden. Die wohl populärste Figur ist natürlich Louis Armstrong, der den Jazz mit definiert hat. Was Louis Armstrong geschaffen hat, ist nicht nur die Entwicklung und Prägung eines neuen Musikstils. Louis Armstrong selbst ist durch und durch Musikgeschichte.

Vielleicht war es sein Glück, dass er als kleiner Junge aus ärmlichen Verhältnissen mit dem Revolver seines Onkels herumballerte und daraufhin in ein Heim eingewiesen wurde, wo er das Kornettspiel erlernte. Aber auch, dass er später bei der jüdischen Familie Karnowsky aufwuchs, die ihn quasi adoptierte, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sein Talent sich entfalten konnte. Louis Armstrong bekannte sich zeitlebens zum Judentum und sprach sogar jiddisch. In Louis Armstrongs Geschichte vereint sich die Geschichte des Jazz, den Afroamerikaner und jüdische Einwanderer in intuitiver Synergy gemeinsam kreiert haben.
Das Rotlichtmilieu, Mississippidampfer und kleine Clubs waren Louis‘ erstes musikalisches Zuhause, ab 1925 mit seinen Hot Five oder Hot Seven, bis er später als musikalischer Botschafter von der US-Regierung auf Welttournee geschickt wurde und zum Beispiel im heutigen Ghana vor 100.000 Menschen spielte.

Obwohl sich Louis Armstrong auch politisch für die Gleichstellung von Schwarzen in Amerika einsetzte, wurde ihm immer wieder vorgeworfen, dass er durch das Bedienen von Klischees doch das Bild des drolligen schwarzen Untergebenen bestätigt hätte. Dasselbe galt auch für andere schwarze Entertainment-Stars von Weltruhm, wie zum Beispiel Josephine Baker.
Aus heutiger Sicht haben beide jedoch genau dadurch, quasi durch die Hintertür, eine neue Welt geschaffen, in der die Schwarzen die Könige sind: die Welt des Jazz und des Entertainments. Seit dem Siegeszug der Music-Halls und Vaudeville-Theater zu Beginn des 20. Jahrhunderts bilden Jazz & Showbusiness das Dreamteam.
Salonmusik europäischer Prägung ist out. Jazz ist heiß, ebenso wie alles, was daraus so schnell entsteht, wie sonst nur die Pilze aus dem Boden schießen: Charleston, Swing, Black Bottom und auch der Blues sind der Soundtrack der Roaring Twenties – von Amerika aus schwappt der Jazz und die damit verbundene Idee von Entertainment nach Europa und verschmilzt mit dort entstandenen Kunstformen wie Cabaret und Burlesque. Das Jazz-Age ist geboren!

Die Stars auf der Bühne sind in Amerika zunächst vornehmlich schwarz. Das Publikum auf der ganzen Welt ist elektrisiert. Weiße Künstler und Künstlerinnen erstarren in purer Faszination und versuchen alles, um mitzumischen in dieser neuen Welt des Showbusiness, in der die Bühnenkünste in den nun aufkommenden Music-Hall-Shows und Revuen synergetisch zusammenfinden.
Der Begriff Jazz beschreibt in den 1920er Jahren allerdings nicht nur den Musikstil, sondern auch den dazugehörigen Tanz und das gesamte Lebensgefühl dieser Zeit. Eine genaue Definition bleibt offen, denn genau das ist die Idee von Jazz: Aufbruch alter Strukturen, Freiheit und Improvisation.
Erlaubt ist, was gefällt – anything goes!
Berlin 1925 – es wird gesteppt, gescattet und man schwärmt für alles, was neu und rasant ist. Die erotische Tänzerin Josephine Baker ist ein Weltstar und wird in exotischen Revuen gefeiert. Die sogenannte Ausstattungsrevue erreicht dabei ihren Höhepunkt und hat spätestens hier die zuvor populäre Operette endgültig abgelöst. Eine Handlung braucht es nicht mehr. Die vergnügungssüchtigen Großstädter wollen es wild und rasant. Es geht um opulente Bilder, Rhythmus und vor allem um Tanz, natürlich in Kombination mit exzessiv gespielter Livemusik von Jazz-Orchestern.
Aber auch kein Cabaret und keine Tanzdiele, wo nicht mindestens mit einem Jazztrio aufgewartet wird.
Josephine Baker schwärmt vom Berlin der Roaring Twenties:  „Die Stadt hat einen juwelenartigen Glanz (…) die riesigen Cafés erinnern mich an Ozeandampfer, die von den Rhythmen ihrer Orchester
angetrieben werden. Überall Musik!“

Der Gesang wird nicht mehr brav vorgetragen, sondern mit aller Leidenschaft aus dem Körper mit ganzer Seele herausgeshoutet. Die Musikinstrumente werden im Galopp geritten und geradezu ausgewrungen, um auch noch die letzte blue-note herauszuquetschen. Getanzt wird mit unermüdlicher Verve – in Reih und Glied wie bei den Tiller-Girls oder in wilder Ekstase wie bei Josephine Baker, die darüber sagt: „Ich weiß nicht, welcher Teufel mich reitet. Ich improvisiere nach der Musik, die mir ihren Willen aufzwingt, das heiße, brechend volle Theater, die Scheinwerfer, die mich verbrennen, haben mich verrückt gemacht. Fieberglut hat meinen ganzen Körper erfasst, sogar die Zähne und die Augen! Bei jedem Sprung glaube ich, an den Himmel zu stoßen, und wenn ich wieder runterkomme, gehört mir die Erde.“
Doch während La Baker in Paris und Berlin mit ihrem Geparden Chiquita, geführt an einem Diamantenhalsband, mondän in einem Café am Kurfürstendamm dinierte, mit einer Straußen-Rikscha vorfuhr, oder ihr später ihre 45 Koffer voller Bühnenkostüme hinterhergetragen wurden, so sehr war in ihrem Heimatland Amerika die Showbühne das einzige Königreich, das den Schwarzen zugestanden wurde, und auch das nur von außen betrachtet. Denn das Theater betreten durften Schwarze dort buchstäblich nur durch die Hintertür, sie durften nicht an der Bar sitzen, im Bus mussten sie, wenn man sie überhaupt mitfahren ließ, hinten auf den schlecht belüfteten Plätzen sitzen. Selbst ein Star wie Billy Holiday durfte in den 40er Jahren noch, wenn sie mit ihrer Band auf Tournee war, nicht einmal die Toilette im Restaurant aufsuchen.

Zu diesem Thema und damit untrennbar verknüpft zum Thema Jazz & Entertainment möchte ich den Film Cotton Club von Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1984 empfehlen, der in diese Thematik mit einer Story eintaucht, die mich komplett in ihren Bann gezogen hat.
Er spielt im Chicago der Roaring Twenties während der Zeit der Prohibition. Organisierte Kriminalität, Rassismus, die ganz großen sowie schäbige Gefühle und vor allem der Jazz sind der Stoff dieses Films.
Schauplatz ist der Cotton Club in Harlem, wo die Crème de la Crème schwarzer Stars wie Cab Calloway und Duke Ellington auftraten, dort aber wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden.
Diese Thematik verdichtet sich im Film in dem Song Ill Wind. Er erzählt von einem kranken Wind ringsumher, der die Menschen in die Irre leitet. Er wird im Film von Lonette McKee in der Rolle der Sängerin Lila Rose gesungen und dargestellt, die sich gezwungen sieht, ihre schwarzen Wurzeln und ihre Liebe zu einem schwarzen Tänzer des Clubs zu verleugnen, um ihren Status als Weiße mit allen Privilegien nicht aufs Spiel zu setzen, ein Dilemma, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.
Auf der Bühne jedoch will man schwarz sein. Ein bizarrer Auswuchs von gelebtem Rassismus sind im Amerika der frühen 1920er Jahre und auch schon vorher die sogenannten Minstrel-Shows, in denen Weiße mit schwarz geschminktem Gesicht Schwarze darstellen, in Bühnenstücken, in denen die „gute alte Zeit“ der Südstaaten romantisiert wird und abwertende Klischees sich manifestieren, in denen es noch weiße Herren und schwarze Bedienstete gibt.
In diesen Minstrel-Shows spiegelt sich der ganze absurde Widerspruch einer bigotten Gesellschaft: Die Schwarzen werden gefeiert für den Jazz und das damit verbundene Lebensgefühl – aber Anerkennung, Gleichberechtigung, Freiheit oder gar Lohn sollten ihnen dafür nicht zustehen.

Der Star der Minstrel-Shows war Al Jolson, ein Weißer mit schwarz geschminktem Gesicht. Das Lied Swannee von George Gershwin mit einem Text von Irving Caesar – ein Südstaaten-Heimatsong par excellence – wurde durch Al Jolsons Interpretation 1919 zum Hit.
Auch wenn diese Shows eigentlich dazu angelegt waren, Rassenstereotype und damit die weiße Vormachtstellung zu verfestigen, so waren sie in meinen Augen doch der Beginn derer Überwindung von innen heraus. Musiker, Künstler und Künstlerinnen wollten eigentlich alle nur eins: Musik machen und auf der Bühne performen, das Publikum unterhalten, den Rausch des Applauses kreieren und darin baden. Für die Frage nach Hautfarbe oder Herkunft gibt es in der Musik und auf der Bühne keinen Raum.

Später aber wurden auch Schwarze für Minstrel-Shows engagiert, wie zum Beispiel Fats Waller und Bessie Smith, die sich damit den Anfang ihrer Karriere finanzierten.
Al Jolson erlangte 1927 Weltruhm durch den ersten abendfüllenden Tonfilm The Jazz Singer, der – eigentlich zufällig – seine eigene Geschichte erzählt, in der er als junger Mann gegen den Willen seines Vaters, eines streng gläubigen jüdischen Kantors, Jazz-Sänger wird und Starruhm erlangt.
In dem Buch 1001 Tonfilme – Die besten Filme aller Zeiten heißt es:„‚Der Jazzsänger‘ ist mehr als nur der erste Tonfilm. Man könnte ihn durchaus als typisches Beispiel für die damalige Wandlung jüdischen Lebens in den USA betrachten: die Öffnung zu einem weniger strengen religiösen Dogma und die Eingliederung der Juden in die amerikanische Gesellschaft im Allgemeinen und die Hollywood-Filmindustrie im Besonderen.“

Diese Wandlung jüdischen Lebens geht auch im Berlin der 20er Jahre steil voran. Es waren in den 1920er Jahren vor allem die amerikanischen und europäischen Juden, die den schwarzen Jazz aufgriffen und weiterentwickelten, ihn mit Chanson und Cabaret verbanden, in die Welt des Showbusiness integrierten. Kurt Weill, Friedrich Hollaender, Cole Porter, Irving Berlin, vor allem aber George Gershwin.
Die ganze Welt war im Umbruch. Man war fasziniert von jeder Andersartigkeit, inspiriert von allem Neuen, nie Dagewesenen. Alles verwob sich: Oper und Jazz, Entertainment und Musik, leichte Muse und große Dramen, Bühne, Fotografie, Film, Tanz, Sprache und Humor … Alles bildete neue Synergien, und es erwuchsen phantastische kulturelle Blüten daraus, die sich bis heute immer weiterentwickeln.
Keine Jazz-Session im B-Flat in Berlin mit Robins Nest anno 2021, bei der nicht eine Reihe von Gershwin-Songs gespielt werden.
Das für mich größte Exempel, was an Metamorphose eines Kunstwerkes möglich ist: die Jazz-Musical-Oper Porgy & Bess über das Leben der Schwarzen im Sommer 1934 in Charleston, USA.
Gershwin hat verfügt, dass nur Schwarze darin auftreten dürfen. Bei der Uraufführung wurden aus Mangel an ausgebildeten schwarzen Opernsängern Cabaret-Stars engagiert, die keine Noten lesen konnten. Später ist aus diesem Jahrhundertwerk von George Gershwin in einer epochalen Einspielung mit Louis Armstrong und Ella Fitzgerald in allen Hauptrollen durch deren Neuinterpretation wiederum ein neues Kunstwerk entstanden. Anders als in der Klassik, in der Werktreue oberstes Gebot ist, gilt es im Jazz, sich selbst und das Werk immer wieder neu zu erfinden.

In der Verbindung von Jazz und Entertainment spiegelt sich unsere gesamte Kultur, die Entwicklung unserer westlichen Gesellschaft wider.

„There’s no business like show business “ lautet das Motto, das Ethel Merman, die Königin des Broadway, in einem Song von Irving Berlin besingt. Ob schwarz, ob weiß, asiatisch, ob jüdisch, christlich, Atheist oder Agnostiker, homo oder hetero, arm oder reich – die Musik kann alles überwinden. Im Showbusiness lösen sich alle Vorurteile und Ressentiments in Luft aus. Was zählt, ist der Rhythmus, Talent, Leidenschaft, der Flow.
Das ist die Quintessenz von Kultur – das, was der Mensch aus sich heraus und aus der Inspiration des Lebens macht. Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Die Welt hat unzählig viele Farben, die im Kaleidoskop des Jazz und des Showbusiness in ständiger Bewegung sind. Der Jazz hat noch eine große Aufgabe vor sich. But now is the time! Always is the time! Now you has Jazz!

Wenn es Euch gefallen hat, freue ich mich, wenn Ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid in EVI’s SÉPARÉE, immer am 1. Freitag des Monats.
Schon allein dafür lohnt sich ein Besuch auf unserer Homepage www.mg-showcompany.com.

Am 4. Juli von 14 bis 16 Uhr bin ich im HR2 Kulturradio in der Sendung Zwei bis Vier zu erleben, in der ich zwei Stunden lang meine Lieblingsmusik vorstellen darf und mit Moderator Niels Kaiser über mein bewegtes Leben spreche, auch über die Anfänge, bevor es losging mit meiner Bühnenkarriere. Freut Euch auf Jazz, Blues, Rock’n’Roll, Barbershopsongs, Crooner-Gesänge und so einige musikalische Überraschungen.
Schalt Dein Radio ein! Sonntag 14 Uhr HR2 und dann in der ARD Mediathek.

Wenn Ihr die M&G Showcompany mögt und Euch gefällt, was wir machen, dann helft uns bitte weiter so großartig dabei, als echter Glanz zu strahlen durch Euer freundlichstes Posten, Liken, Teilen, Taggen, Streamen, Abonnieren und ab jetzt natürlich auch wieder mit dem Kauf von Live-Veranstaltungstickets.
So werden wir immer mehr und mehr in meinem Séparée!

Habt alle einen wunderbare Zeit, aufregende Nächte, und immer schön gesund und munter bleiben.
Gruß & Kuss
Eure Evi