Paris mon amour – Das alte Paris, als es noch war wie ein Zirkus.

Blog & Podcast Numero 6 von Freitag, dem 04. Juni 2021 

 

Zugegeben – wenn es um Frankreich im Showbusiness geht, dann geht es immer um Paris, und wenn es um Paris geht, dann sind die Klischees von Liebe, Romantik und sovoir vivre nicht weit – ein Baguette unterm Arm, die Gauloise im Mundwinkel, der Blick auf den Eiffelturm, ein Spaziergang an der Seine …
Irgendetwas muss daran sein, denn die Klischees von anderen Städten, zum Beispiel von Berlin, ändern sich rasant im Laufe der Zeit. Aber Paris bleibt Paris, und die Bäckereien auf dem Monmartre bleiben so hübsch und altmodisch, wie die Croissants dieser Bäckereien die besten auf der Welt bleiben.
Paris und seinen Klischees. Was gehört bei einem Besuch in der Brasserie unbedingt dazu?
Natürlich ein Chanson von Edith Piaf! In meinem Bühnenprogramm CHANSON DIVINE singe ich viele Lieder der Piaf und erzähle durch diese Lieder vom Leben dieser Künstlerin, aber auch von jenem alten Paris.
Der Zirkusdirektor kündigt die Hauptattraktion an, die kleine Piaf, die über ihren Vater, den Schlangenmenschen, als Kind schon zum Zirkus kam.
Auch die Chansons der Piaf stecken voller Klischees, aber gerade die früheren von ihnen erzählen Geschichten, die immer einen Bruch haben, eine Wendung die uns traurig macht und etwas in uns anrührt.
So verweben sich die Geschichten dieser Chansons zu einem Bild, wie es wohl war, das Leben der armen Leute von Paris, das Leben von Edith Piaf, als sie noch ein junges Mädchen war.
Ein Lied wie La vie en rose könnte man natürlich als Kitsch bezeichnen. Angeblich hat sie den Text auf die Schnelle im Restaurant auf eine Serviette gekritzelt. Und ihre Pianistin Margueritte Monnot hat wohl nur ihr zuliebe die Musik dazu geschrieben, sich aber nicht dazu bekannt, weil ihr das Lied zu banal war.
Edith Piaf lebte das Leben ihrer Kindheit weiter, auch als sie schon weltberühmt war und die bestbezahlte Sängerin ihrer Zeit. Auch wenn die Piaf als Star im schicken 16. Arrondissement wohnte, in einer riesigen herrschaftlichen Wohnung, so hat sie doch nur ein Zimmer wirklich benutzt, in dem sie mehr hauste, als dass sie standesgemäß residierte. Ihre Gäste waren Jean Cocteau, die Dietrich, Aznavour, aber auch Chlochards, Kleinkriminelle und die Straßenmädchen rund um ihre angebliche Schwester Momone, die sich als Prostituierte durchschlug, sich selbst aber gerne als Managerin der Piaf ausgab. Die Piaf war sozusagen „still Jenny from the block“. Heutzutage singt das Jennifer Lopez mit einer guten Portion von geschäftstüchtigem Kalkül: der nahbare Superstar!
Der Piaf war diese Art von Doppelleben ein echtes menschliches Bedürfnis. Ihre alten Kontakte gaben ihr Halt. Freundschaft war für sie etwas Schützendes, Wertvolles, fast Heiliges. Dafür war sie auch bereit, alles zu geben. Aus Freundschaft zu Bruno Coquatrix, dem Betreiber des berühmten Olympia, sang sie für drei Monate dort ohne Gage, um das bankrotte Theater zu retten. Freundschaft war ihr Anker. Der Strudel des Lebens, das waren für sie Liebe und Leidenschaft! Und da gab es bei Madame keine Kompromisse. Den Schmerz in der unglücklichen Liebe hat sie gesucht, gefunden und gefeiert. Bei der Piaf kommt es mir direkt so vor, als dass eine glückliche Liebe bei ihr niemals eine Chance gehabt hätte, als hätte sie für etwas derart Gemütliches keine Zeit gehabt.
//
Eine andere Pariser Berühmtheit, Kiki de Paris, hatte eine ganz ähnliche Geschichte wie die Piaf. Alice Prin – so ihr bürgerlicher Name – war auch ein uneheliches Kind und wuchs in großer Armut bei der Großmutter auf. Mit 14 flog sie dort raus und stand zum ersten Mal Akt. Im Café de la Rotonde verschaffte sie sich Zugang zum Salon der feinen Damen mit einem Hut und einem selbstgenähten Spitzenkragen. Diese Utensilien öffneten ihr das Tor zur Welt des Künstlerlebens des damaligen Paris, in dem sie mit 28 Jahren von Hemingway, Cocteau und der ganzen Künstlerclique als Kiki, Königin von Montparnasse gekrönt wurde. Sie war nicht nur Muse zahlreicher Künstler wie Foujita, Utrillo, Kisling und natürlich Man Ray, sie selbst war auch als Cabaretsängerin und bildende Künstlerin erfolgreich. Als Schauspielerin wurde sie sogar nach New York geholt. Im Gegensatz zur Piaf machte sie dort aber keine Karriere, und zwar weil sie keine Lust dazu hatte. Sie soll gesagt haben, sie sehe lieber Filme, als dass sie darin spielt. In Wahrheit, so vermute ich, konnte sie außerhalb ihres Biotops, ihrem Paris der zwanziger Jahre, kein rechtes Glück finden. An Geld und Ruhm lag ihr wohl nichts. Sie soll gesagt haben: „Solange ich nur ein Brot, eine Zwiebel und eine Flasche Rotwein habe, brauche ich nichts weiter. Und dass es dafür reicht, da wird sich ja wohl immer jemand finden.“
Als die Deutschen Paris besetzten, verließ sie die Stadt und kehrte erst nach dem Ende des Weltkrieges zurück. Sie war wieder da, aber das Paris, das ihre Welt gewesen war, gab es nicht mehr.

Beide Frauen, die Piaf und Kiki, waren nicht im herkömmlichen Sinne als schön zu bezeichnen, und doch lagen ihnen Männer und Frauen gleichermaßen zu Füßen, weil eine unwiderstehliche Anziehungskraft von ihnen ausging. Sie hatten eine Aura, waren echt.
Beide eint die Sucht nach dem Leben am äußersten Limit, ihre Kompromisslosigkeit bis zur Selbstzerstörung.
Was es kostet, das Leben der Piaf darzustellen, habe ich am eigenen Leibe zu spüren bekommen, als ich 1993 mein erstes Theaterengagement am Landestheater Altenburg hatte. Allabendlich mit dem Kopf durch die Wand, ein Brennen auf höchster Flamme, auf dem schmalen Grat zwischen unbeschwerter Lebenslust und selbstzerstörerischer Lebenssucht.

Seit dem 13. März 2020 – das Datum werde ich nie vergessen – sind alle wir Bühnenkünstlerinnen und -künstler gezwungen innezuhalten. Wir können nicht auf unsere geliebte Bühne, nicht auf Tournee! Wir leben in einer weltweiten Pandemie. Wer hätte so etwas je gedacht!? Seitdem – heruntergefahren auf einen nahezu rein biologischen Überlebensmodus – habe ich seit vielen Monaten die einzigartige Gelegenheit, für mich herauszufinden, was die Essenz meines Lebens ist, was mich und mein Leben ausmacht und was ich wirklich vermisse in dieser Zeit. Ist es der Wunsch, im Rampenlicht zu stehen, beklatscht und gefeiert zu werden von enthusiastischem Publikum in ausverkauften Sälen? Das berühmte Klischee: Applaus – das Brot des Künstlers!?
Das Schönste ist für mich die Energie, die entsteht, wenn wir zusammen jeden Abend aufs Neue den Bühnenzauber aufleben lassen.
Alle, die mit mir zusammen arbeiten, können sicherlich ein Lied davon singen, dass es anstrengend mit mir ist, weil ich nie zufrieden bin, solange es noch etwas gibt, was man tun könnte, um es noch besser zu machen.
Dabei können sie doch froh sein, dass ich nicht wie die Piaf die Musiker nachts aus dem Bett zerre, weil sofort geprobt werden muss, und wenn einer einen falschen Ton spielt, wird er rechts und links geohrfeigt. Ihre Pianistin soll die Piaf hingegen nie geschlagen haben. Gewalt gegen Musiker lehne ich ja generell ab, auch wenn gewisse Pianisten Anderes behaupten. Aber das gehört, wie auch so einige Geschichten aus dem Leben der Piaf, ins Reich der Legenden.

Letzten Sommer habe ich das Chanson BEI NACHT geschrieben. Es handelt davon, dass die Stadt sich verändert, wenn es dunkel wird. Nach der Zuversicht und Geschäftigkeit des Tages gewinnen mit der Dämmerung Gefühle wie Einsamkeit und Furcht langsam die Oberhand. Die Nacht, ein schauerlich schönes Zuhause. „Ich rufe Dich. Doch meinen Schrei schluckt ein Sonnenstrahl. Was brauch’ ich denn? Brauch’ nur Dich, wenn die Dämmerung zärtlich erwacht, bei Nacht, bei Nacht, bei Nacht …“ Ihr kennt das Lied als Titelmelodie meines Séparées.

Die liebe Kollegin Marie Giroux hat meinen Text für mich ins Französische übertragen, und aus diesem Chanson LA NUIT ist nun ein neues Bühnen-Programm mit französischen Chansons entstanden, das ich mit der Akkordeonistin Annegret Cratz spiele: LA NUIT DER PARIS. Und damit sind wir wieder in Paris, bei Edith Piaf und Kiki de Paris, denn es ist ihr Paris, das ich in diesem Programm aufleben lasse und mit meinem Publikum feiern möchte. Es ist Paris bei Nacht, wenn man das Leben nicht unter Kontrolle hat und kleine Dramen zu Katastrophen werden, wenn ein Lächeln, eine Träne eine ganze Welt bedeuten oder ein Blick sie zum Einstürzen bringen kann. Es ist das alte Paris, als es noch war wie ein Zirkus, mit all seinen Geschichten, von denen heute keiner mehr so genau weiß, was genau wahr an ihnen ist und was Legende. War Kiki eine große Künstlerin oder war sie nur eine Muse, und was ist eigentlich die größere Kunst? War das Nachtleben in der Rotonde und im Café du Dôme wirklich so aufregend lasterhaft und wild oder hat sich die Piaf aus purer Not in übelsten Spelunken jede Nacht die Seele aus dem Leib gesungen? Die Nacht von Paris! Was ist Klischee und was ist die Realität? Was ist Kitsch? Was ist Kunst? Was ist die Wahrheit, was ist der Mythos Paris? Ich sage, so genau braucht man das gar nicht zu wissen, denn was wir lieben, das sind die Geschichten! Die Geschichten von Paris!

Wenn es Euch gefallen hat, freue ich mich, wenn Ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid in EVI’s SÉPARÉE immer am 1. Freitag des Monats.
Schon allein dafür lohnt sich ein Besuch auf unserer Homepage www.mg-showcompany.com.

So langsam scheinen wieder Live-Auftritte in Sicht zu sein. Mit LA NUIT DE PARIS könnt Ihr mich mit meiner Akkordeonistin Annegret Cratz am 27. August in den Kulturgärten in Mainz erleben.
Tickets gibt es unter www.frankfurter-hof-mainz.de

Zu diesem Séparée verlosen wir diesmal 2 CDs meines Chansonprogrammes CHANSON DIVINE. Macht mit! Alles dazu auf unserer Facebookseite GLANZ AUF DEM VULKAN.

Wenn Ihr die M&G Showcompany mögt und Euch gefällt, was wir machen, dann helft uns bitte weiter so großartig dabei, als echter Glanz zu strahlen durch Euer freundlichstes Posten, Liken, Teilen, Taggen, Streamen, Abonnieren und ab jetzt natürlich auch wieder mit dem Kauf von Live-Veranstaltungstickets.
So werden wir immer mehr und mehr in meinem Séparée!

Habt alle einen wunderbare Zeit, aufregende Nächte, und immer schön gesund und munter bleiben.
Gruß & Kuss
Eure Evi