Die Dame ist ein Vamp – Es lebe die moderne Frau!

Blog & Podcast Numero 5 von Freitag, dem 07. Mai 2021 

 

„Ohne Frauen geht es nicht. Das musste selbst Gott schon einsehen.“ – sagte die Schauspiel-Ikone Eleonora Duse.
Kürzlich wurde ich in einem Interview wieder gefragt, was mich an den 1920er Jahren so sehr fasziniert, was das Besondere an dieser Zeit ist, ob es für mich Vorbilder aus dieser Zeit gebe und ob ich gerne in dieser Zeit gelebt hätte. Meine spontane Antwort auf all diese Fragen war: „Die moderne Frau der 20er Jahre – das bin ich.“ Ich lebe die Idee der modernen Frau, wie sie sich in der Zeit der Weimarer Republik verstand. Sie ist für mich der Schlüssel zur Synergie der 1920er mit den 2020er Jahren.
Die moderne Frau sein bedeutet aber viel mehr als ein oberflächliches Lebensgefühl im Sinne von Lifestyle.
So ein Lifestyle ergibt sich dann von alleine und ist nichts künstlich Aufgesetztes.
Die moderne Frau der 1920er Jahre hat schon so viel für eine echte Emanzipation getan, dass sowohl deren Notwendigkeit als auch die Emanzipation selbst heute schon längst überwunden sein könnten.
Dass sie aber immer noch ein wichtiges Thema ist und sich Emanzipation heute so müde, zäh und freudlos anfühlt, ist doch wirklich zu schade! Unsere 2020er Jahre haben gerade erst begonnen, kaum losgelegt, schon komplett ausgebremst und gegen die Wand gefahren. Aber was wären wir für moderne Frauen, wenn wir das Ding nicht doch noch schaukeln würden!?
In unserer Show GLANZ AUF DEM VULKAN hat die Figur Claire die Tollkühne – getanzt und gespielt von Tara D’Arson – gleich zwei Patinnen aus den 1920er Jahren. Claire Waldoff, die einzigartige Diseuse, die sich selbst als Volkssängerin bezeichnete, war der Star der Berliner Scala und des Wintergartens. Ihre Schallplattenverkäufe erreichten Rekordhöhen.
Clärenore Stinnes gewann als Rennfahrerin Autorennen, an denen sonst nur Männer teilnahmen, und sie war der erste Mensch, der mit dem Automobil die Welt umrundete.
Beide Frauen hatten gemeinsam, dass das, was sie taten, und wie sie lebten, für sie die allergrößte Selbstverständlichkeit hatte. Beide sprengten in vielerlei Hinsicht das alte Rollenbild der Kaiserzeit, in der die Frau dem Manne zu Diensten zu sein hatte und Ihre Aufgabe darin bestand, schmückendes Beiwerk und später Mutter und Hausfrau zu sein. Was sie nicht sein sollte, war gebildet, selbstbestimmt, sexy, ambitioniert, berufstätig – kurzum: eine aktive Gestalterin der Gesellschaft, die Dinge voranbringt, statt sie nur im Sinne der Bewahrung zu hegen und zu verwalten. Doch genau DAS will die moderne Frau sein!
Und das gelingt ihr auch, wie man an den Beispielen unserer Claire und Clärenore sehen kann, unabhängig von der Ausgangssituation und quasi im Vorbeigehen.

Die Großindustriellentochter Clara Eleonore – genannt Clärenore – Stinnes aus Mülheim an der Ruhr erscheint auf den ersten Blick privilegiert. Der Vater bindet sie schon früh in die Geschäfte des Imperiums ein. Mit seinem Tod drängt die Mutter ihre 24-jährige Tochter zum Verzicht auf die Unternehmensführung zugunsten der beiden Söhne. Statt sich jedoch devot in ihr Schicksal zu fügen, wird Clärenore zur weltweit gefeierten Rennfahrerin und Pionierin und beweist sich und der Welt damit vor allem eins: Unabhängigkeit! Durch die Erfüllung ihrer eigenen Vision, durch Höchstleistung, Wagemut, Unbeirrbarkeit und durch die vollkommene Deckung ihres Selbstbildes mit dessen Erfüllung – weil sie es will und weil sie es kann!
Wer derartige Strapazen auf sich nimmt, die so eine Weltumrundung selbst für die hartgesottensten Kerle zu dieser Zeit bedeutete, macht das nicht, um reich und berühmt zu werden, sondern aus einer unentrinnbaren Leidenschaft heraus, die jedes Ego überflügelt.
Claire Waldoff wurde als Clara Wortmann nur 25 Kilometer entfernt von Clärenores Geburtsort Mülheim, nämlich in Gelsenkirchen, als elftes von insgesamt sechzehn Kindern einer Wirtsfamilie geboren. Obwohl sie später an den ersten gymnasialen Kursen für Mädchen in Hannover teilnahm, gelang es ihr aus finanziellen Gründen trotzdem nicht, die angestrebte Karriere als Ärztin einzuschlagen. Als wäre es die nächstliegende Alternative, schlägt sie stattdessen schon in den 1910er Jahren eine Bühnenkarriere ein und wird in den 1920er Jahren mit ihrer Lebensgefährtin Olga von Roeder zum Mittelpunkt des lesbischen Berlins.
Die Waldoff war als bekennende Ikone dieser – wie man es heute nennen würde – Randgruppe trotzdem Star der bürgerlichen Gesellschaft und der Berliner Boheme gleichermaßen.
Das schaffte sie durch ihre absolute Authentizität, durch ihren durch und durch bodenständigen Humor, der den Nerv der gesamten Gesellschaft traf, weil er vor allem mit Selbstironie einherging, und durch ihr so herrlich humoristisches Klartext-Singen, sodass selbst der Vorgeführte noch was zu lachen hatte.
Wenn die untersetzte, burschikose Claire mit roten Backen und knorziger Stimme „Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt!“ röhrte und die Stimme dabei mehr hervorquetschte, als dass sie sang, dann war der Bann gebrochen. Nun hatte sie beim derart gelösten Publikum die offene Flanke, um mit solchen Zeilen plötzlich mitten ins Mark zu treffen:
„… Die Männer haben alle Berufe, sind Schutzmann und sind Philosoph. Sie klettern von Stufe zu Stufe, in der Küche stehn wir und sind doof. Sie bekommen Orden, wir bekommen Schwielen, liebe Schwestern, es ist eine Schmach. Ja sie traun sich gar, die Politik zu spielen, aber, na, die ist ja auch danach!“

Beiden Claras gemeinsam ist, dass sie nicht aus der Opferrolle heraus agieren, sondern sich früh aus ihr befreit haben, indem sie Unabhängigkeit statt (vermeintlicher) Sicherheit gewählt haben. Ausgerechnet im Moment der größten Niederlage haben sie alles auf eine Karte gesetzt, und gezeigt, dass sie mit ihrer Selbsteinschätzung nicht nur richtig liegen, sondern alle Erwartungen übertreffen. Nie haben sie sich darauf verlassen, dass es irgendein Mann schon richten wird.
Die Emanzipation der 1920er Jahre war aber vor allem auch deshalb so erfolgreich, weil sie mit so viel Humor, Nonchalance und Sinnlichkeit daherkam. Die Stereotype des Flappergirls hieß im Berliner Jargon Garçonne, wörtlich übersetzt: weiblicher Junge. Befreit vom Korsett, mit flatternden Kleidchen, die eben nicht das damenhaft Figürliche betonten. Ein Stil, der aber auch nicht Mann sein wollte, sondern sich frech herausnahm, modisch und gesellschaftlich mit allen Optionen zu spielen. Doch bei diesem Spiel ging es um weit mehr als um Mode, beziehungsweise zeigt sich hier, wie sehr Mode Ausdruck von Gesellschaft sein kann.
Bei aller Koketterie, sich als Mann zu kleiden, mit Frack und Zylinder, mit Kleidern ohne Taille und kurzem Bubikopf, die Frau nahm sich auch das Recht, sich zu schminken, die Nägel rot oder schwarz zu lackieren und Seidenstrümpfe zu tragen. Denn was hätten wir schon von der schönsten Gleichberechtigung, wenn wir unsere Sinnlichkeit und die Freude an Eleganz und Glamour als Preis dafür lassen müssten?!

„Die Emanzipation ist erst dann vollendet, wenn auch einmal eine total unfähige Frau in eine verantwortliche Position aufgerückt ist.“ Das soll die Hamburger Volksschauspielerin Heidi Kabel gesagt haben, und sie trifft damit genau die Crux, die heute immer noch besteht. Warum sollen denn Frauen immer alles doppelt so gut und perfekter als jeder Mann machen müssen, um gerade mal halbwegs anerkannt und gleichermaßen honoriert zu werden? Das Recht aller Frauen auf Versagen, Mittelmäßigkeit und Egozentrik, auf Machtgier, sexuelle Dominanz, Lust an Konsum und Ausschweifung etc. etc. bei vollkommener beruflicher Gleichberechtigung macht die Emanzipation erst komplett. Das heißt natürlich nicht, dass die moderne Frau tatsächlich ein großes Interesse daran hätte, von diesen Attributen tatsächlich Gebrauch zu machen. Denn sie weiß, sie sind nutzlos und dienen nur der Schmeichelei eines Egos, das es wohl nötig hat.
Solange es noch Gewinner und Verlierer geben muss, sind wir im falschen Spiel. Also – Strategiewechsel auf eine andere Ebene und Wechsel der Mittel, wie zum Beispiel das offensive Ausleben der Weiblichkeit in all ihren Facetten, wie sie in der Bühnenkunst von Burlesque zelebriert wird. Für mich ist Burlesque die Krönung des Feminismus!
In der Kunst von Burlesque darf und will sich die Weiblichkeit durch nur scheinbar triviale Unterhaltung inszenieren, als Verführerin, als Projektionsfläche im Sinne einer Inspiration. Ja, in diesem Rahmen darf sie sich sogar als Objekt der Begehrlichkeit produzieren, denn hier ist dies Teil eines von der Darstellerin selbst inszenierten und lustvollen Spiels von Körperlichkeit und Erotik, ungeachtet aller immer noch bestehenden Werturteile, wie der weibliche Körper für solch eine Bühnendarstellung beschaffen zu sein hätte. Die Mittel von Burlesque sind also Talmi & Floor*, aber dahinter wird subtil ein epochales Statement vermittelt.
Kein Wunder, dass sich die Bühnenkunst Burlesque in den 1920er Jahren großer Popularität erfreute, und so folgerichtig wie notwendig ist es, dass wir in unseren Shows in den 2020er Jahren mit New-Vintage und Neo-Burlesque diese Kunst wieder aufblühen lassen.
Claire die Tollkühne (hier in Reminiszenz an die Pionierin Clärenore Stinnes) hat in unserer Show GLANZ AUF DEM VULKAN auch ihren glanzvollen Burlesque-Moment. „Zurück von ihrer Weltumrundung nach zwei Jahren und einem Monat, bei 24.063 gefahrenen Kilometern durch Sibirien und die Wüste Gobi bis nach Peking, erreicht sie am 24. Juni 1929 wieder die deutsche Hauptstadt. Eine Sensation!“
Im Doku-Drama Fräulein Stinnes umrundet die Welt (ein Film von Erica von Möller), erfährt man, dass die kernige Abenteuerin neben aller notwendigen technischen Ausstattung, Benzol und knallhart rationiertem Proviant auch drei Abendkleider im Gepäck hatte! Das ist für mich das Tüpfelchen auf dem i.

Auch mir wurde manchmal attestiert, dass es doch wohl mutig sei, so ganz auf eine Karriere als Sängerin zu
setzen, ohne einen Mann in gehobener Stellung an meiner Seite, der mich versorgt. Ich habe es aber nie als Mut empfunden, sondern als Unabhängigkeit und Vernunft. Ich war mir sicher, dass ich das machen sollte, was ich am besten kann und was ich eben am meisten will. Dank meiner verlässlichen Selbsteinschätzung konnte ich davon ausgehen, dass sich diese beiden Anforderungen entsprachen, und so war es doch eine regelrecht pragmatische Entscheidung, die ich für mich getroffen habe, ohne sie jemals bewusst getroffen zu haben. Solche Abwägungen trifft man in jungen Jahren ja eher unbewusst. Bei mir war sie im Prinzip von vornherein alternativlos.

Später erst – weil immer wieder darauf angesprochen – wurde mir klar, warum mir ein Sicherheitsgedanke in diesem Sinne seit jeher völlig abgeht. Es hat damit zu tun, dass mir von meiner Mutter das Gegenteil überzeugend vorgelebt wurde. Ja, in meiner Familie mütterlicherseits waren immer schon die Frauen diejenigen, die den Laden am Laufen halten, sie waren Unternehmerin, Chemotechnikerin und Kunsthandwerkerin, und haben alle das Abitur gemacht, was in den 1920er Jahren alles andere als eine Selbstverständlichkeit war. Die alten Familienfotos meiner Urgroßmutter Lina mit ihren drei Töchtern, immer schick und modisch aufeinander abgestimmt, strahlen ein wunderbares Selbstverständnis aus.
Die Krisen, die sie in ihren Zeiten zu meistern hatten, waren noch ganz anderer Natur als die Unwägbarkeiten, die mir in meinem Leben bisher begegnet sind.

Die Pandemie, in der wir leben, ist für mich die wohl größte, weil universelle Herausforderung meines Lebens. Und vielleicht bin ich, ähnlich wie Claire und Clärenore, genau jetzt an dem Punkt, den es zu überwinden gilt, um mein Selbstbewusstsein als moderne Frau noch einmal neu zu definieren, zu erweitern und das Prinzip noch bewusster anzuwenden. Es ist die Idee der modernen Frau, unabhängig, entscheidungsfreudig, verantwortungsvoll und ihrer Intuition vertrauend, die mich in dieser Zeit leitet und von innen heraus immer wieder aufbaut, mich vor allzu großer Resignation und Depression bewahrt. Diese Idee – verbunden mit meinem unzweifelhaften Privileg, in den 2020er Jahren ohne Krieg, Hunger und Gewaltherrschaft leben zu dürfen – erinnert mich immer wieder an meine selbstgewählte Aufgabe, als moderne Frau ein Vorbild zu sein für das, was ich mir selbst von anderen Menschen wünschen würde. Heute erst sehe ich, wie sehr ich vom Vermächtnis der Frauen der Weimarer Republik und den Frauen meiner Familie geprägt bin und getragen werde und wie viel Wertvolles sie für uns geschaffen haben. Hören wir auf das, was sie uns immer noch zu sagen haben: Freiheit kommt von innen. Sie ist Unabhängigkeit von scheinbaren Sicherheiten. Erwarte nicht, dass Dir das Glück vor die Füße fällt, sondern suche lieber nach Deinem Weg. Verwandle Niederlagen in Herausforderungen, durch deren Meistern Du wächst und dadurch anderen eine Inspiration bist. Suche heute nach dem, was Du tun kannst, statt nach Schuldigen für all das, was schief läuft. Wir haben nur dieses eine Leben und also keine Zeit zu verlieren!
Und schwupps hast Du schon einen Beitrag geleistet, um diese Welt ein Stückchen besser zu machen.
Und wenn ich mir das gerade selber noch einmal vorlese, stelle ich fest, dass sich das alles ja gar nicht allein auf Frauen bezieht, sondern dass so alle Menschen gemeinsam und in gegenseitiger Wertschätzung einfach viel mehr erreichen können, als sie zu träumen wagen. Der moderne Mensch! Es ist nie zu spät, solange wir leben, dieser Mensch zu sein. Habt also keine Angst, liebe Männer. Wir wollen euch nicht regieren, aber es gibt da noch ein paar Baustellen aufzuräumen. Packen wir’s an! Wir lieben das Spiel des Lebens auf Augenhöhe. Let’s play!
Oder wie Claire Waldoff in ihrem Couplet Das moderne Mädel schon wusste:
„Denn dit janze Leben is een doller Schwof. Und wer nicht mitmacht, ist uff beede Backen doof.“

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Wenn es Euch gefallen hat, freue ich mich, wenn Ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid.
Mein Blog & Podcast EVI’s SÉPARÉE erscheint immer am 1. Freitag des Monats.

Bitte besucht uns auf unserer Homepage www.mg-showcompany.com.

Auch wenn Ihr Euch, genauso wie wir, schon auf die echten Live-Shows mit uns freut – Termine wie immer auf unserer Homepage –, legen wir Euch das Streaming unserer großen 20er-Jahre-Show GLANZ AUF DEM VULKAN sehr ans Herz!
Ganz unbescheiden kann ich Euch garantieren: Dies ist maximaler Kunstgenuss. Kintopp Deluxe!
Online-Tickets nur noch bis zum 17. Juni! unter www.frankfurter-hof-mainz.de

Wenn Ihr die M&G Showcompany mögt und Euch gefällt, was wir machen, dann helft uns bitte weiter so großartig dabei, als ein echter Glanz zu strahlen, durch Euer freundlichstes Posten, Liken, Teilen, Taggen, Streamen, Abonnieren und natürlich mit dem Kauf von Veranstaltungstickets, z. B. für unseren Live-Stream von GLANZ AUF DEM VULKAN. So werden wir immer mehr und mehr in meinem Séparée!

Habt alle eine wunderbare Zeit, aufregende Nächte und immer schön gesund und munter bleiben.
Gruß & Kuss
Eure Evi

*Talmi & Floor – Synonym für oberflächlichen Glanz: Falschgold & hauchdünnes Kunstseidegewebe