Tanz auf dem Vulkan – Tanz um Dein Leben!

Blog & Podcast Numero 4 von Freitag, dem 02. April 2021 

Tanz auf dem Vulkan – dass dieser Begriff als regelrechtes Synonym für die 1920er Jahre gilt, zeigt, wie allumfassend das Thema Tanz für diese Zeit zwischen den Weltkriegen war. Ja, man könnte behaupten, im Berlin der zwanziger Jahre war das Tanzen sogar Sinnbild für das Leben an sich.
Das Lebensgefühl der 20er Jahre ist Tanz!
Auf dem Vulkan tanzen bedeutet ja nicht nur nah am Abgrund zu wandeln. So ein Vulkan ist schließlich verdammt heiß, und wenn man sich die Füße in den zierlichen Schühchen aus Satin in lindgrün, malvenblau oder mit Goldlamé nicht verbrennen will, dann darf man nicht zu lange auf der Stelle treten. Bloß keinen Bodenkontakt! Die Diele brennt! Hoch das Bein! Tempo, Tempo, Tempo!
Wie geschaffen für diese Zeit scheint der Charleston! Oder umgekehrt: Diese Zeit hat den Charleston geboren.
Ach was, er hat sich selbst geboren. Charleston! „Wenn denn kannst, dann kannst’n und wenn denn kannst, dann tanzt’n!“, hat es Erich Kästner auf den Punkt gebracht.

Gefährlich ist es aber allemal. Was, wenn der Vulkan ausbricht? Wenn der Schuh durchgetanzt ist und die Sohle glüht? Wenn Du in den Abgrund fällst, in die heiße Lava?
Da kann ein wahrhaft besessenes, tanzwütiges Wesen nur drüber lachen, denn genau das macht doch den Reiz!
Wir wollen nicht über Gefahren nachdenken! Wir wollen uns spüren, denn sich spüren heißt Leben.
Wir spüren uns durch die Bewegungen unseres Körpers, durch Verlangen und dessen Erfüllung, durch Berührung mit anderen Menschen, mit Materie und Gefühlen, durch Reibung und Spiegelung. Also tanzen wir weiter! Man ist ja schließlich Profi im Umgang mit all dem Glanz und Elend. Wer tanzt, ist lebendig.
Solange wir tanzen, ist es noch nicht aus!
Kein Wunder dass das Tanzen in den goldenen 20er Jahren so überaus populär war, denn für so einige war es wohl einziges Mittel, um sich lebendig zu fühlen, immer auf der Flucht vor der aufkeimenden unheilvollen Erwartung vor dem, was da noch dräute, vor den erlittenen Qualen dessen, was man hinter sich hatte, vor dem unverwandten Blick in den Spiegel oder in das Gesicht seines Nächsten.
Die Stars des Tanzes könnten in den wilden Zwanzigern unterschiedlicher nicht sein – Primaballerina Anna Pavlova auf Spitzenschuhen, die exotische Tänzerin Josephine Baker verkörpert den Charleston, Anita Berber das Lasterhaft-Morbide, Valeska Gert den grotesken Ausdruckstanz. Und all die Tanzdielen vom Kurfürstendamm bis in die letzten Winkel der Berliner Vorstadt platzen am frühen Abend aus allen Nähten.
In wildem Wahn tanzt man sich in die Nacht hinein.

Du kannst saufen, tanzen, lügen und lachen,
Die ganze Nacht durch Liebe machen
Eigentlich sind wir morgen tot!
Doch damit hat’s wohl keine Not.

… stellt schon Dorothy Parker, die berühmte New Yorker Schriftstellerin, lakonisch fest. Im New York der Roaring Twenties geht es wohl auch nicht anders zu.

Keine Warnung kann die Süchtigen daran hindern, sich ihrem scheinbar selbst gewählten Vergnügen hinzugeben. „Berlin halt ein! Besinne Dich! Dein Tänzer ist der Tod!“ So prangt ein Plakat, auf dem ein Skelett in Lackschuhen eng umschlungen mit der Berolina im langen Kleid tanzt, von Berlins Litfaßsäulen, direkt neben der Ankündigung für eine moderne Tanzvorführung in den Amorsälen.

Nur eins ist besser als Tanz – noch mehr Tanz! In der ersten Haller-Revue „Drunter und drüber“ in der Saison 1923/24 im Admiralspalast in der Friedrichstraße schwingen die 16 Ballett-Damen synchron die Beine.
In der zweiten Haller-Revue „Noch und noch“ ein Jahr später heißen sie schon die Haller-Girls und zusätzlich schwingen noch 40 Ballett Damen das Tanzbein.
Und in der dritten Saison trumpft die Revue „Achtung! Welle 505“ auf mit irrwitzigen 16 Admiralsgirls, 16 russischen Tänzern und 40 Ballett-Damen! Und das wird in jeder Saison noch mal getoppt, bis 1931 mit der Czárdásfürstin als Haller-Revue der vorerst letzte Vorhang im Admiralspalast fällt.

In meinem Séparée möchte ich im wilden Wirbel der Zeit manchem Wesen von heute und aus der Vergangenheit in einem Schleudermoment in dieser Spirale des Lebens kurz die Hand reichen, wobei sich ganz kurz unsere Fingerspitzen berühren können und wir uns in die Augen blicken. Eine Berührung mit dem Leben – der Vergänglichkeit – mit uns selbst und unserer Geschichte.
Meine Geschichte verschlug mich 1996 nach Berlin. Im Grünen Salon der Volksbühne hatte ich eine eigene Bühnenshow mit Gästen mit dem Titel Evi’s Séparée. Dass ich diesen Blog nun Evi’s Séparée genannt habe, ist eine Reminiszenz an meine Berliner Zeit.
Gleich am Premierenabend saß in der ersten Reihe leibhaftig eines der 16 original Admiralsgirls, Marga Behrends. Obgleich damals schon hochbetagt, war sie die auffälligste Figur im ganzen Saal – lachend, kreischend und vor Lebenslust und Feierlaune nur so am Strahlen. Da war er, dieser magische Moment, die Begegnung von Mensch zu Mensch im Gestern und Heute im selben Moment in der Spirale des Lebens.
Nach der Show haben wir uns wie alte Freundinnen begrüßt und waren die Letzten, die im Morgengrauen den Grünen Salon verließen, außer Peter & Niklas, die Barkeeper. Die mussten noch zuschließen.
Marga trat mit ihrem Lied Alle Männer sind Kamele auch gerne bei mir im Séparée auf. Wenn sie aus dieser Zeit erzählte, ging es um das Tanzen, wie glanzvoll die Kaffehäuser waren und wie sie trotz aller Annehmlichkeiten, die das heutige Leben zu bieten hat, diesen Glanz der 1920er Jahre zurückersehnt.
Genau diese Sehnsuchtsidee von Glanz ist etwas Anderes als nostalgische Verklärung der Geschichte, in meinen Augen sogar das Gegenteil. Wir greifen in unserer 20er-Jahre-Show GLANZ AUF DEM VULKAN dieses Ideal auf, lassen fiktive und reale Figuren mit dieser Sehnsuchtsidee verschmelzen und erwecken sie in unseren Bühnenfiguren zu eigenem neuen Leben.
Isadora – in GLANZ AUF DEM VULKAN getanzt, gespielt und choreographiert von Lola La Tease – ist unter anderem inspiriert von der Figur Grusinskaja aus dem Roman Menschen im Hotel von Vicky Baum. Die einst so berühmte Primaballerina alter Schule lebt auf Gastspieltournee als Dauergast im Hotel. Ihr Leben ist die Bühne, der Tanz. Und sie versucht damit fertig zu werden, dass ihr Ruhm langsam verblasst im Wandel der Zeiten mit einer neuen modernen Idee von Tanz für Hinz und Kunz, in der ihre Kunst keine Rolle mehr spielt.

Man muss tanzen, das ist eine Besessenheit, so giftig ist kein Morphium und kein Kokain, und kein einziges Laster auf der Welt. Wenn ich aufhöre zu tanzen, dann gibt es keinen Menschen mehr auf der Welt, der wirklich tanzen kann. Aber es muss doch ein Mensch da sein, der weiß, was tanzen heißt, mitten in Eurer hysterischen, abscheulichen Sachlichkeit.“

Sicherlich war die russische Ballett-Legende Anna Pavlova Vicky Baums Inspiration zur Figur der Grusinskaja.
Mit nur 49 Jahren verstirbt die Pavlova im Jahr 1931 an einer Lungenentzündung auf Gastspielreise, allein ohne Familie, im Nobel-Hotel Des Indes in den Haag, fern der russischen Heimat. Immerhin wurde der Pavlova mit der gleichnamigen Neuseeländischen Baisertorte ein Denkmal gesetzt, während das Schicksal der Grusinskaja quasi in der Luft hängen bleibt. An dieser Stelle meine wärmste Leseempfehlung für Menschen im Hotel von Vicky Baum.

Isadora in GLANZ AUF DEM VULKAN stellt sich nach anfänglichem inneren Widerstand dem Wandel.
Sie blickt dem Ende beherzt ins Gesicht, tauscht die zertanzten Spitzenschuhe gegen die neuen Tanzschuhe, wirft ihr altes Leben ab und transformiert durch das Weitertanzen ihre Ängste vor dem Ende in ein neues, scheinbar freieres Leben ohne Netz und doppelten Boden. Isadora tanzt jetzt mit beim Tanz auf dem Vulkan, den sie nun alle tanzen in wildem Wirbel – immer weiter! Immer schneller! Nur nicht in den Abgrund schauen!

Mein Leben war ein Auf-dem-Seile-Schweben.
Doch war es um zwei Pfähle fest gespannt.
Nun aber ist das starke Seil gerissen:
Und meine Brücke ragt ins Niemandsland.
Und dennoch tanz ich und will gar nichts wissen,
Teils aus Gewohnheit, teils aus stolzem Zorn.
Die Menge starrt gebannt und hingerissen.
Doch gnade Gott mir, blicke ich nach vorn.

Ein Gedicht von Mascha Kaleko

Schon im Jahr 1920 malt Blandine Ebinger im Kabarett Schall und Rauch mit dem Fox Macabre von Friedrich Hollaender das absolute Schreckensbild der Tanzgesellschaft am Kraterrand: „Unter der Erde da glimmt die Zündschnur, gebt nur Acht! Mitten im Foxtrott gibts einen Knacks, und dann ist Nacht“.
Die Tanzgesellschaft kennt nur eine Angst – was ist, wenn der Vulkan erlischt?! Die Tanzdiele macht Feierabend, das Kabarett schweigt, das Revuetheater ist dicht. Das ist das wahre Ende!
Willkommen im Jahr 2020! Es ist Pandemie. Der Tanz, der gerade so richtig los steppen wollte, ist vorerst ausgetanzt. Der Vulkan hat sich verschluckt, aber er brodelt noch in seinen Tiefen und will durch all die tanzenden Füße wieder wachgekitzelt werden.
Wenn es so weit ist, wird Isadora in unserer Show GLANZ AUF DEM VULKAN am 8. April 2022 auch auf der großen Bühne im Admiralspalast tanzen, auf der einst schon Marga Behrends als Admiralsgirl glänzte.

Im Jahr 2020 habe ich zusammen mit Mr. Leu den Titelsong zu GLANZ AUF DEM VULKAN geschrieben. Damit möchten wir das Motto der Bühnenkünstler Show must go on! allen Menschen ans Herz legen. Stellen wir uns wie Isadora einer neuen Zeit und lassen los. Lasst uns in die neuen modernen Schuhe schlüpfen und weitertanzen, auch wenn wir nicht wissen, wohin wir uns im Wirbel drehen. Denn auch wenn er für eine Weile schweigt – der Vulkan ist das Leben!

Schau nicht zurück mein Kind, dein Tänzer ist der Tod. Du bist verrückt mein Kind, die Welt ist aus dem Lot.
Und wenn schon morgen diese Stadt mit einem Krach zusammenfällt,
Dann bleiben ich und Du, die Narren dieser Welt.
Lass uns laut singen heut’, mir ist so nach Musik. Und lass uns lieben und vergessen all den Krieg.
Wenn wir uns dreh’n in wildem Wirbel, wie im Rausch verschmolzen sind,
Tut’s nicht so weh mein Schatz, dass wir verloren sind. Es kann nicht sein mein Schatz, dass wir verloren sind!

Wenn es Euch gefallen hat, freue ich mich, wenn Ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid.
Mein Blog & Podcast EVI’s SÉPARÉE erscheint immer am 1. Freitag des Monats.

Bitte besucht uns auf unserer Homepage www.mg-showcompany.com .

Da könnt Ihr neben den immer aktuellen Tournee-Terminen für alle unsere Live-Produktionen auch immer die heißesten Neuigkeiten erfahren!

Das nächste spannende Großprojekt ist das Streaming unserer großen 20er-Jahre-Show GLANZ AUF DEM VULKAN aus dem Frankfurter Hof in Mainz. Die Streaming-Premiere ist am 17. April – seid alle dabei!!!

Online-Tickets gibt es unter www.frankfurter-hof-mainz.de

Auch wenn Ihr Euch, genauso wie wir, schon auf die echten Live-Shows mit uns freut, legen wir Euch dieses Streaming sehr ans Herz!
Denn wir werden keine Kosten und Mühen scheuen, um Euch mit diesem Film einen ganz besonderen und echten Kulturgenuss für das Medium Film anzubieten, in welchen über 30 Akteure vor und hinter den Kameras auf und hinter der Bühne all ihr Herzblut hinein geben.

Das TV-Magazin SWR Aktuell wird das Event ankündigen und mit Eindrücken vom Live-Dreh darüber berichten!

Wenn Ihr die M&G Showcompany mögt und Euch gefällt, was wir machen, dann helft uns bitte weiter so großartig dabei, als echter Glanz zu strahlen, durch Euer freundlichstes Posten, Liken, Teilen, Taggen, Streamen, Abonnieren und natürlich mit dem Kauf von Veranstaltungstickets, z. B. für unseren Live-Stream von GLANZ AUF DEM VULKAN. So werden wir immer mehr und mehr in meinem Séparée!

Habt alle eine wunderbare Zeit, aufregende Nächte, und immer schön gesund und munter bleiben.
Gruß & Kuss
Eure Evi